x…fynn steiner in wriedel…

by eskalaparty on 5. Oktober 2011

Der Mitmachmarkt in Wriedel ist neu. Es gibt ihn seit September.
Frische Abendluft umweht uns, als wir aus dem Wagen steigen. Aus dem Dunkel stechen die großen Fenster, die noch vor Kurzem Drogerieschaufenster waren. Wo Seife angeboten wurde und Waschpulver, wo hinter löchrigen Wänden Detektive schliefen, wo es Kinderriegel gab und Windeln, gibt es jetzt Menschen. Menschen, die sich zusammen getan haben. Zusammengetan gegen das Sterben ihres Heimatortes Wriedel. Sie wollen nicht mit ansehen, wie die große Ödnis ihnen das Leben aussaugt. Sie bieten Prothesen an, Secondhandhemden mit Hundeemblem, Sherlock Holmes- Hörbücher, Pilzführer, Coca- Cola und Lampen. Sie bieten Wriedels Bewohnern die Chance, sich für ihren Ort einzubringen, etwas von sich zu zeigen oder etwas von sich loszuwerden. So wird der Mitmachmarkt zu einem Kuriositätenkabinett aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es schlägt uns herzliche Unmittelbarkeit entgegen, als wir den Laden betreten. Es liegt eine Prise Sonderbarkeit in der Luft. Nein, es trifft uns Hamburger die Leidenschaft für etwas Verlorenes. Ich mag das. Ich habe nämlich auch eine Vorliebe für den Verlust. Fragen Sie mal mein soziales Umfeld: ich bin Großmeister im Scheitern und immer noch genauso jung wie vor 20Jahren.
Heute Abend hat mich mein Freund Jorge Wittersheim, Künstler und Musiker, in den Mitmachladen eingeladen, um hier zu lesen. Ich bin mit meinem Manager angereist und mit Joachim Franz Büchner, dem Sänger und Schlagzeuger der Band Bessere Zeiten. Ihn habe ich gebeten, zwischen meinen Texten das Lied „Nights in white Satin“ vorzutragen. Ich selber lese, was ich zu erzählen habe von Hamburgs Taubenscheiße, von Hamburgs korrupten Punkern, blasierten Dichtern und wütenden Rock’n’Rollern. Jorge hat einen blauen Thron installiert, auf dem ich über den Köpfen der Bürger hocke und vom ungelobten Land erzähle. Vom Fiebergong, Bergbau im Pink Gin, von Jever- Exzessen und Sturzflügen über London. Hey man, I’m waiting for my man.
Ich komm zwar nicht von hier, ich kann es noch nicht wissen, aber ich mag Wriedel. Nicht zuletzt wegen Jorge Wittersheims ART- Wriedel und der vielen besonderen Menschen, die ich hier im Laufe der Jahre kennengelernt habe und die mir jetzt zuhören, obwohl sie auch etwas Anderes machen könnten. Z.B. den Haushalt oder Tee. Die Kirchturmglocke läutet; wie gewöhnlich, aber fürs Besondere.

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eskalaparty 29. September 2011 um 00:28
eskalaparty 29. September 2011 um 00:41

the doors are open …

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