in der taz von gestern …

by eskalaparty on 9. Januar 2012


Der Lobbyist der Kleinbauern

Eckehard Niemann setzt sich gegen riesige Hühnermasthallen ein. Die Forderung: Ein Verbot gegen eine Haltung, in der Tiere zu sehr leiden. Eine Freilandhaltung verlangt er nicht. VON JOHAN KORNDER

Mit einem Ast stochert Eckehard Niemann in der Hühnerkacke. Der süßliche Dampf beißt in der Nase. Der Haufen stinkt Niemann. Der Hühner-Trockenkot, HTK abgekürzt, liegt wenige Schritte von einem Wiesenhof-Mastbetrieb entfernt auf einem geernteten Maisfeld.
Niemann – weißer Nikolausbart, runder Nikolausbauch – schüttelt angewidert den Kopf, wirft den Stecken auf den Acker, blickt zum Stall, schüttelt wieder den Kopf, schüttelt den ganzen Körper, wie ein Hund nach dem Baden. Doch die Gedanken lassen sich nicht abschütteln, er denkt sie seit über 30 Jahren, seit er in Göttingen Agrarökonomie studierte.

Er dachte sie als Landwirtschaftslehrer in Hamburg, auch in seiner Zeit als Referent für ökologische Landwirtschaft im Hamburger Umwelt- und Wirtschaftsministerium. Er will Bauernhöfe statt Agrarfabriken.
Auch den Gestank wird Niemann nicht los. Denn seine Heimat ist auch die Heimat der Hühner. Über 30 Millionen Mastplätze gibt es in Niedersachsen. Die Hälfte aller deutschen Hühnchen frisst sich hier fett. Als wäre das nicht genug, hat die Firma Rothkötter in Wietze einen neuen Schlachthof gebaut, subventioniert mit 6,5 Millionen Euro. Bei voller Auslastung können in der Anlage 27.000 Hühner verarbeitet werden. Pro Stunde.

Bis zu 135 Millionen Tiere könnten hier pro Jahr getötet werden. 40.000 Hähnchen fasst eine typische Mastanlage, 400 davon wären nötig, um die Schlachtanlage zu füllen. Doch die Bauern in der Lüneburger Heide spielen nicht mit. Nicht einmal 30 Riesenställe sind bisher entstanden. “Die Landwirte wollen nicht: Sie bekämen Ärger im Dorf, verdienen wenig oder nichts und sind total abhängig”, erklärt Niemann. Deshalb werden hier nun auch dänische Hühner geschlachtet.

In der Doppelstallung, die Niemann mustert, sind 80.000 Tiere eingepfercht. “Viel zu viele. Zu viele Hühner auf zu wenig Platz, und zu viele Hühner überhaupt”, sagt Niemann. Deutschlands Großmäster produzieren schon jetzt mehr, als die Deutschen essen können. “Wir haben eine Hähnchenblase”, sagt Niemann.

30 bis 45 Tage werden Hühner gemästet, bis ihr Knochengerüst die Brust kaum noch tragen kann. “1.000 Hähnchen sterben dabei im Durchschnitt pro Durchgang und Maststall”, sagt Niemann, der für die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, die sich 1980 als Gegenpol zum Bauernverband gründete, als Agrarindustrieexperte fungiert.

Kadaver-Sammler

Die Tiere, die es bis zur Schlachtbank schaffen, leiden bis dahin unter Knochenbrüchen, an Fußballenverätzungen, Verkrüppelungen, und sie attackieren sich auch noch gegenseitig. Zweimal am Tag läuft ein Mitarbeiter durch den Stall und sammelt die toten Tiere ein. Die Kadaver landen laut Niemann oft auf den HTK-Haufen, die im Landkreis Uelzen mittlerweile zum Landschaftsbild gehören.

“Etwa die Hälfte der Haufen ist illegal”, sagt Niemann. Die Menge des Kots und der Standort müsse den Behörden gemeldet werden.

Niemann sagt: “Da wird getrickst und verschleiert.”

Eine Bürgerinitiative aus Wriedel hat sich zur Aufgabe gemacht, die Haufen zu inspizieren, Verstöße zu melden. “Die machen HTK-Watch”, erklärt Niemann, der solche Initiativen berät.

“Investoren haben Unternehmensberater, die Bürgerinitiativen haben mich”, sagt Niemann, der täglich bis zu 40 Mails beantwortet, pro Woche eine Pressemitteilung schreibt, Anwälte organisiert, Veranstaltungen besucht, Vorträge hält und in seinem Kalender weniger leere Stellen findet als vor seiner Pensionierung
.
Niemann schaut ein letztes Mal auf den Hühnerkot und steigt in seinen Wagen. Auf dem Kofferraum kleben Sticker: “Keine A 39″ und “Bauernhöfe statt Agrarfabriken”.
Oft wird ihm vorgeworfen, er sei gegen alles. Genmais, Castortransporte, Autobahnen, Massentierhaltung. Niemann findet den Vorwurf unsinnig. Es sei kein Dagegen um des Dagegenseins Willen. Niemann ist kein Wutbürger. Er ist weder frustriert noch verbissen. Wenn er über seine Arbeit redet, findet er vieles toll. Und vieles schön.

Er sagt: Toll, dass es so was gibt wie die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Hier setzt er sich seit Jahren dafür ein, dass die Rahmenbedingungen für die Kleinbauern besser und für deren Konkurrenten schlechter werden. Bäuerliche Landwirtschaft sei der einzige Rahmen für artgerechte Haltung, meint Niemann.
Seine Forderung: Ein gesetzliches Verbot einer Haltung, bei der die Tiere zu stark leiden. Ob der Tierschutz dabei das Ziel ist oder nur Mittel zum Zweck, ist unklar. Freilandhaltung fordert er jedenfalls nicht – eine Beschränkung auf 15.000 Hühner pro Stall würde ihm vorerst genügen.

Niemann sitzt auf seiner Wohnzimmercouch, knetet seine Hände und lächelt. Er sagt: Schön, dass sich unter unserem Druck Teile der Politik bewegen. Schön, dass Behörden tatsächlich Ställe verbieten. Niemann lehnt sich ins schwarze Leder. Er sagt: Wunderbar, dass wir mit der ganzen Gesellschaft für die bäuerliche Landwirtschaft kämpfen. Da weiß man, dass man gewinnen wird. Die nächste Etappe ist eine Großdemonstration in Berlin in zwei Wochen.

Die Demonstration: „Wir haben die Agrarindustrie satt“, Samstag, 21. Januar, Treffpunkt 11.30 Uhr am Berliner Hauptbahnhof

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Wahnsinn, Schrecken, Vergnügen.

by eskalaparty on 31. Dezember 2011

text fynn steiner | fotos robyn hinsch

Vorrede

Mit Blick auf den Dezember, seine durchnässten Eichen und Regenbogenfeldsteine, bin ich froh, drinnen zu sitzen, neben den weißen Trüffeln und der roten Amaryllis, die vor zwei Tagen aufgegangen ist und ihre Blüten weit ins Wohnzimmer reckt.
Mit Blick auf das Jahr 2011 bin ich froh, ausgegangen zu sein. Wenn man vielleicht auch meinen kann, wir wären nicht das Herz der Hansestadt geworden, so doch zumindest seine Leber.
Es ist eine komfortable Sysiphosaufgabe, die wir uns hier selbst erwirtschaftet haben. Immer und immer wieder rollen wir den Stein. Wo andere Leute Freizeit haben, da haben wir jetzt Krautzungen. Wir sind es, die Jupiter zurufen: bestrafe uns, gib uns eine unendliche Aufgabe. Wo alles Andere stillsteht, da machen wir jetzt in Bewegung. Wo sich bei einem Teller Spaghetti- Bolognese Anfang des Jahres das Labor für pragmatischen Utopismus gründete, da steht heute ein Koloss mit einer Fackel von Ideen. Man kann sagen, ich komme mit der Mythologie gründlich durcheinander. Das ist das Fieber. Endjahresfieber, wie ich es jeden Dezember kurz nach oder mitten an Weihnachten bekomme.
Nach Krautzungen#1 in der Astrastube und Krautzungen#2 im Westwerk beschlossen Robin Hinsch und ich, dass wir uns zweierlei verdient hätten: zum einen eine anständige Portion Wahn und darüber hinaus eine exzessive Weihnachtsfeier. Vor Ende des großen Jahres 2011- mein grafischer Höhepunkt: die geschmackvolle Luxusvilla Osama bin Ladens- oder doch Damien Hirsts Plattencover für die Red Hot Chili Peppers?—wollten wir noch einmal alle Kräfte beschwören. Heraus kam eine Veranstaltung, die Robin mit „Wahnsinn, Schrecken, Vergnügen“ betitelte. WSV! sagte ich und fand das sehr passend für den Winter. Das ein WSV nun genau genommen ja immer erst nach Weihnachten stattfindet, war uns wohl beiden nicht hinreichend bekannt. Wir hatten ja noch nie teilgenommen!
Robin und ich saßen also bei einem Glas Bier in der Karoecke und entwarfen kryptische Pläne dazu, wie wir die Hansestadt in einem Handstreich nehmen würden. Sein Laptopakku hielt genau so lange, bis wir nachgeschlagen hatten, dass es im LOKAL noch einen freiHAUStag im Dezember gab. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal ausdrücklich bei den Verantwortlichen bedanken, die sich dachten, dass sie gerne Robin und mich, Wahnsinn, Schrecken und Vergnügen beherbergen würden.
Wir bekamen eine Stadtvilla gestellt. Standesgemäß, wie Robin sagte. Großartig, wie ich fand.
Wie es bei einem Endspurt oft der Fall ist, spürten wir so kurz vor der Ziellinie Jahresende unsere Beine nicht mehr. Diesem vorteilhaften Umstand ist die aberwitzige Hauruckorganisation geschuldet, die als außerordentlich sportlich wahrgenommen werden darf. Wir riefen Peter Sempel in New York an, ich bastelte in Windeseile einen Joachim Cerberus Büchner, Robin machte daraus ein erstklassiges Plakat und schließlich legten wir unser zartes Gewächs in die verantwortungsvollen Hände des Managers Johannes Blaffert, der sich mit Hingabe um die Organisation unseres WSVs bemühte. An einem kalten Montag standen wir wieder gemeinsam mit Joachim auf der Schanze, froren uns die Hände ab und klebten Plakate. Hier einen JFB über einen Rapper, dort einen JFB über eine Disco und jetzt einen JFB auf die Toilettentür der Mutter. Hier hielt Joachim Franz Büchner einen Moment inne, besah sich sein dreigestaltiges Spiegelbild und sagte: „Das ist mir jetzt fast, fast schon ein bißchen unangenehm!“

Ein ganz anderes Bild entwirft das Musikvideo zu dem Song „Ich bin Joachim Franz Büchner“, das Robin in Berlin und in Vorbereitung auf den WSV drehte. Es zeigt JFB auf einem Plattenhaufen, sich aufopferungsvoll in den rauen Wind stemmend, glitzerndes Morgenlicht über sich ergießen lassend und animistisch singend. JFB: außerordentlich überwältigend. Es ist kein Zufall, wenn die unbehauene Ästhetik dieses Videos an frühe Musikvideos der Neubauten erinnert. Hier treffen sich –und auch dies sollte explizit Programmpunkt unseres WSVs werden- die Künste. Hier kreuzen sich JFBs Charisma und seine Musikalität mit Robin Hinschs visueller Vorstellungskraft und seinem Blick für den richtigen Ort. Und, wie Jorge Wittersheim unlängst so richtig bemerkte: hier arbeiten wir an einer Ikone. Folgerichtig wurde der erste Programmpunkt unseres Wahnsinn, unseres Schreckens und unseres Vergnügens eine Autogrammstunde mit Joachim Franz Büchner.
Weil aber selbst ein Inferno aus Hachez, Becks Gold und Energy Drinks fünf Minuten Pause braucht, übernahmen später auch Robin, Tim und Jenna das Unterzeichnen der Autogrammkarten. Auch hier: folgerichtig! Denn im Sinne der Krautzungen- Kreuzungen verschwimmt die Linie zwischen Kultur machen und Kultur erleben.

WSV im LOKAL

An der Tür begrüßt der Manager unsere Gäste mit Pfefferminzschnaps und sauren Gummitieren. Er drückt den Besuchern einen Stempel auf die Hand, auf dem „Duplikat“ steht. Unsere ersten Gäste sind Engländer. Mit Staunen betreten sie das alte Pfarrhaus, das von außen leuchtend grün, innen kahl und wie kurz vor der Renovierung aussieht. Und ihre Überraschung nimmt nicht eben ab, als sie das Selbstporträt ihres alten Freundes Oliver von Below sehen, das ihn in Rockerpose als gigantisches Musikwunder manifestiert. Unter dieses Bild haben wir den Tisch gestellt, an dem später gelesen werden soll. Es wird wirken wie ein psychedelischer Schatten der Autoren. Es ist ein Spiel mit der Überhöhung, dem Glamour und dem bereits assoziierten Fall(„(…)Bring out your dead“). Rechts davon hängt eine von Olivers Pinocchiostudien, links davon ein Bild, das er erst kurz vor Ausstellungsbeginn mit Tannenzweigen malte. Darauf steht: „Becausefuckyouthatswhy“.
Wenn man jetzt andere Künstler sehen will, dann gibt es einen schmalen Gang neben der Bar. In dem Raum dahinter stellt Fiona Hinrichs aus. Die Treppe hoch gibt es alte Krautzungenfotos, die den Betrachter auf eine Reise in die jüngere Vergangenheit einladen. Ich sag es frei heraus: ich persönlich liebe meine Blitzlichtfotos. Nicht wenige sind aus der Hüfte geschossen.
Zwischen Treppe und Durchgang sitzt Joachim Franz Büchner hinter einem weißen Tisch. Auf der geschmirgelten Tischplatte liegt Weihnachtsdeko, liegen vier verschiedene Autogrammkartenstapel und eine Tafel Hachez. Wer eintritt, trifft auf Joachim. Und so sind es neben den Künstlern die Engländer, die als erste Autogrammkarten unterschrieben bekommen. Mit goldenem Edding schreibt JFB an seiner Wirklichkeit, die in ihrem Charme etwas PeterPaneskes hat.

Fiona stellt zweierlei aus: einen Spiegel, der mit regenbogenfarbigem Geschenkband behaart sagt: „I have been growing one millimeter in one year“ und ihr Jahr in Statusmeldungen. Ernüchternd, wie drei Seiten mit sehr originellem Inhalt eben doch bloß drei Seiten, eben doch bloß ein Jahr sind. Diese Arbeiten sind ein Blick auf die kleinen Schritte. Sie sind in all ihrer Nonchalance eben doch vor allem eine Benennung und Ausdeutung des Zähen. Vielleicht sind sie auch sehr Dezember. Mir gefällt, dass neben Fionas Statusmeldungen eine Falltür in den Keller führt. Ihr gefällt das mit Sicherheit auch, wie man beim Betrachten ihrer Kunst ständig droht, in alle Falle zu tappen.
Noch weiter hinten, noch vor dem Raucherwintergarten und gleichzeitig im größten zusammenhängenden Raum des Lokals, stehen Heiko Gogolins Plattenteller. Zusammen mit Andrea mischt er den Soundtrack dieses Abends. Andrea tritt als Mme Bing auf. Ich möchte mich entschuldigen für meine bekloppt falschen Ansagen, da hätte man ja vorher auch mal drauf kommen dürfen, das Mme für Madame steht.
Zwei meiner liebsten Erinnerungen an den DJ- Abend: Andrea hebt eine Platte, betrachtet sie genau und pustet. Es sieht aus, als ob sie das Vinyl küsste. Der zweite Moment: Heiko und Jochen verabschieden sich mit erhobenen, ineinander verschränkten Händen voneinander. Es sieht aus wie ein archaisches Ritual zweier Hohepriester. Und ist es das nicht auch?
An der Wand gegenüber der letzten Treppenstufe habe ich einen Kopf aus meiner Leinwand geschnitten und da unter gehängt. Ich nenne das Bild „Wir waren niemals hier“. Es ist in mehrfacher Hinsicht Schlüssel zur Interpretation meiner Bilderserie „Nach der Welt nur Köpfe“, deren theoretischen Unterbau ich mich beim letzten Krautzungen darzulegen bemüht habe (vgl. die Erzählung: „Der Bürgermeister der Nacht“). Zum einen ist es der Kopf eines Künstlers, der im Fokus des Interesses steht, zum anderen ist es der Ausbruch aus regelkonformer Bildkomposition, soll heißen: die Bewegung wird aller Sorgfalt vorgezogen, Künstlerhandwerk: adieu. Wille ist pinselführend.

Im Flur stellt Carsten Dierkes aus. Carsten, seines Zeichens Schöpfer der Spitzbehrendts und der Bahnfahrtcomics, zeigt drei großformatige Comicstrips, die er schlicht „Wahnsinn“, „Schrecken“ und „Vergnügen“ betitelt hat. In seinen szenischen Karikaturen parodiert er die Behäbigkeit des menschlichen Verstandes und führt scheinbare Kausalketten ad absurdum. Immer wieder blitzt in seinen Comics der Versuch auf, sich über einen Kaugummialltag hinweg zu setzen.
Gegenüber von Carsten, nicht weit von der Herrentoilette, hat Johannes Blaffert sein Alter Ego, den Anwalt Eberhardt Ambrosius, mit silberfarbenem Klebeband wie eine Engelserscheinung an die Wand gepinnt. Dem Anwalt, bei Krautzungen#2 noch mit Spiegelscherben behängt, scheinen silberne Schwingen gewachsen zu sein. Ebenso elegant wie tollpatschig erhebt sich das Stofftier über den Betrachter. Er ist genauso sehr Gefangener wie Erlöser, genauso lustig wie gefesselt. Die Frage ob Prometheus oder Blödmann muss unbeantwortet bleiben. Neben der Skulptur hängt eine der seltenen Zeichnungen von Johannes. Sie trägt den Titel „Tilo (rauchend)“. Meine Mutter findet: hat er gar nicht so schlecht gemacht, kann man sogar erkennen.
Betreten wir nun das Ende der Welt. Das Ende der Welt, so heißt die Fotoserie von Janusz Beck. Er teilt sich den großen Ausstellungsraum mit Balkon mit Robin Hinsch. Beide zeigen sie Fotos, die -wie sorgsam gefertigte Köder- mit Widerhaken im Maul der Realität feststecken. Janusz zeigt einen längst verlassenen Pilzbunker, Robin einen erlegten Hirsch. Neben den Videoinstallationen der beiden möchte ich den Blick besonders auf Robins Bilderserie lenken, deren Titel mir augenblicklich entfallen ist, die aber ein tolles Thema hat. Uns nämlich, Joachim und mich. Wie dem ein oder anderen zu Ohren gekommen sein mag, arbeiten wir seit einiger Zeit an dem Debutalbum unserer gemeinsamen Band „Der Bürgermeister der Nacht“. Robins Triptychon zeigt mich mit Satyr, JFB in Berlin und uns beide im Hermelin einer lauen Yokomonostunde. Robin ist es gelungen, aus dem mittlerweile riesigen Fundus von Fotos, (Joachim und ich werden ja sehr gerne fotografiert… sagen wir ruhig, wir drängen uns auf) eine Essenz zu subsumieren. Während Joachim im Licht lächelt, grinse ich im Dunkel.
So jetzt kann ich aber nicht mehr an mich halten, jetzt muss es raus: gestern schrieb mir Joachim, dass unser Album fertig ist. In Kürze geben wir Demo- CDs raus.
Im letzten unserer Ausstellungsräume zeige ich meine Kopfserie und Peter Sempel seinen Nina Hagen Film „Punk&Glory“. Auch wenn man, wie ich, nichts oder nicht viel für Nina Hagen übrig hat, dann muss man den Bildern des Films Respekt zollen, das betont Peter, als er den Film installiert. Im Lokal funktioniert seine Bildsprache auf eine besondere Weise. Die Tapetenreste zeichnen verworrene Muster auf Nina Hagens ebenmäßige Konturen. Es ist als verliehe das alte Pfarrhaus Sempels Film eine zusätzliche, geheimnisvolle Lesart.
Punk&Glory, dieser Film ist eine Einladung in eine größere, dandyeske Welt voll ungezügelter Wildheit und exzessivem Ausdruck.

Independent- Regisseur Peter Sempel lässt es sich nicht nehmen, als erster eine Schweinepfote in die Hand zu nehmen und meinem Painting-by-Numbers-Schwein ein blaues Auge zu malen. Später wird der Manager über diesem Bild wüten und Oliver wird dem Schwein einen Penis malen. Idee ist es, dass der Besucher des WSVs Schweinepfoten in Acrylfarbe taucht und damit das Schwein Stück für Stück ausmalt. Die beiden ausliegenden Pfoten haben bei Marktkauf 52Cent gekostet. Wer braucht Pinsel?
Als ich meinen langjährigen Freund und Autor Colin Böttger anrief und fragte, ob er bei unserer Veranstaltung lesen wolle, sagte er unter der Einschränkung zu, er habe schon etwas vorzulesen, aber er habe nur etwas zum Thema Schrecken beizutragen. Ich überlegte mir also, den Abend thematisch zu gliedern, also einen Autor für ein Thema anzufragen. Dass das nicht funktionieren würde, ging mir auf, als ich feststellte, dass ich bereits vier Autoren eingeladen hatte. Ich wusste allerdings auch, dass das nicht schlimm sein würde, weil ich nämlich vier ebenso unterschiedliche wie gute Schriftsteller eingeladen hatte. Recht herzlichen Dank an Gesa Anne Troja, die sich mit sezierendem Blick unserer Vergnügungssucht widmete, danke an Lucas Flasch, der mit gewohnt trockenem Humor an seinen Großvater zurück dachte, vielen Dank an Colin, der als Ex-Träger des Bremer Literaturpreises eine Geschichte über das Abwesend-Sein vorlas und allerherzlichsten Dank an Christoph Braun, der aus seinem Roman „Hacken“ vortrug, der Anfang kommenden Jahres erscheinen wird. Christoph Braun erzählt davon, wie es ist, von der Stadt aufs Land zu ziehen und gleichzeitig seinem Beruf als Musikjournalist weiter nachzugehen. Er schreibt aber auch darüber, wie es ist, Gemüse zu ziehen oder plötzlich Schäfer zu sein. Das Besondere an seinem „Hacken“, davon durften sich die zahlreichen Zuhörer an diesem Abend überzeugen, ist die Sprache, die der Autor gewählt hat. Es ist die wundervolle Distanziertheit, mit der es Christoph Braun gelingt, eine präzise Beobachterperspektive einzunehmen, die originell über Tau spricht und über Raupen.

Ich hoffe mit unserem Lesungsblock konnten wir eines der Kernanliegen der Krautzungenreihe noch besser verdeutlichen, auch wenn es sich beim WSV um keine offizielle Krautzungenveranstaltung handelte. Literatur, Kunst und Musik sollen keine bloße Staffage füreinander sein. Wir wollen die Disziplinen miteinander verbinden, auf ihre Verbindungen verweisen und sie miteinander in Diskurs treten lassen.
Als beispielhaft dafür kann gelten, dass sowohl Colin Böttger als auch Christoph Braun einen Gastauftritt im Programm der Schmutzigen Schönheit hatten. Während Colin unserem Klassiker Vogelschießen altes Leben einhauchte, spielten wir mit Christoph gemeinsam eine Coverversion des The Fall- Songs „Kurious Oranj“. Überhaupt gelang es der Schmutzigen Schönheit wieder einmal konsequent seltsam zu sein. Wie immer besser als bei jeder Probe holperten wir uns durch unser Programm. Das konnte und sollte man „Viel besser als früher!“ (Stella) finden oder wie Monika die Frage stellen: „Du Fynn, übt ihr eigentlich auch mal?“ Antwort: „Es regnet seit Tagen schon/die Psyche ist ein Pappkarton.“
Als Vorband JFB (live) zu engagieren war von Anfang an kalkuliertes Risiko. Denn Robin und mir war klar, dass Joachim nur eines werden könnte, nämlich ganz ausgezeichnet. Für uns spielte er sie nochmal, die Hits, mit der er Johannes Blafferts „Lange Nacht des Museums“ maßgeblich prägte und Mädchen- und Jungenherzen verzauberte. Nights in White Satin, never reachin the end. Ich bin mir sicher, dass sich 90% aller Besucher an diesem Abend in Joachim verliebten. Die anderen 10% waren es längst schon. Verliebt in Joachim Franz Büchner.
Jump in! Jump in!

Als einer der stolzen Gastgeber des Wahnsinns trug ich eine goldene Krawatte. Ich machte Dinge, über die ich an dieser Stelle nicht schreiben kann und trank dazu eine Menge Becks. Peter Sempel erzählte mir bei einem Glas Rotwein von seinem neuen Film über Jonas Mekas. Lucas Flasch und ich sprachen wieder einmal über den kultivierteren Fußball, Johannes Blaffert redete sich um Kopf& Kragen, Andrea und Heiko bewiesen erhabenen Geschmack und Robin Hinsch ging wahrscheinlich später noch in den Juice-Club und als ich am nächsten Morgen um neun aufstand, um Christoph Braun zur Bahn zu bringen, erzählte der, dass er kaum einmal etwas Absonderlicheres erlebt habe, als den einhändig fegenden JFB, der dabei sang, dann innehielt und einen Mädchenchor dirigierte, als wir gegen 4:30Uhr das LOKAL aufräumten.
Ich möchte mich in Robins, Joachims, Johannes‘ und meinem Namen herzlich bedanken bei allen teilnehmenden Künstlern, dem LOKAL und besonders bei Anne und allen, allen, allen Gästen. Auch bei dem einen, der mich so fies angestarrt hat. Für uns war es ein gelungener Jahresabschluss! Wir können trotz vertrunkener Einnahmen eine positive Bilanz ziehen und freuen uns auf nächstes Jahr.

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luegner …

by eskalaparty on 13. Dezember 2011

und das gilt auch fuer Dich, wulff

und Eure frauen lassen wir raus …

das urprungsveroeffentlichungsdatum war der 13.12. 2o 12 …

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basiswissen aus der retorte …

by eskalaparty on 29. November 2011

taz artikel von heute, hier gesichert bevor er weg ist …

BESUCH BEIM PHYSIKER SEBASTIAN PFLUGBEIL

Die Geldmaschine
Der Physiker Sebastian Pflugbeil ist ein radikaler Kritiker der Atomindustrie. Seine Gesellschaft für Strahlenschutz sprach als Erste vom Super-GAU in Fukushima.VON GABRIELE GOETTLE

Ein sperriger und zäher Quertreiber: der Atomkritiker Sebastian Pflugbeil.

“Die Atomindustrie kann jedes Jahr eine Katastrophe wie Tschernobyl verkraften.” (H. Blix, Direktor der IAEO, 1986)
Dr. Sebastian Pflugbeil, Physiker, radikaler Kritiker der Atomindustrie u. Präsident d. Gesellschaft für Strahlenschutz e. V., geb. 1947 in Bergen/Rügen. Schulbesuch u. Abitur in Greifswald (DDR), von 1966-1971 Studium d. Physik a. d. Ernst-Moritz-Arndt-Universität zu Greifswald. Danach Mitarbeiter d. Zentralinstituts f. Herz-Kreislauf-Forschung a. d. Akademie der Wissenschaften Berlin-Buch. Seine dort begonnene Doktorarbeit wurde wegen regimekritischer Äußerungen behindert u. erst nach d. Wende anerkannt, nichtsdestotrotz blieb er unbequem und störrisch. Er war 1989 Mitbegründer d. Neuen Forums u. saß als dessen Vertreter mit am Runden Tisch d. DDR. Februar 1990 wurde er Minister ohne Geschäftsbereich i. d. Regierung Modrow. Er erstellte f. d. Volkskammer ein Dossier über gravierende Sicherheitsmängel der AKWs, was zur Schließung des VEB Kombinates Kernkraftwerke “Bruno Leuschner” Greifswald führte u. z. Schließung d. AKW Rheinsberg. 1990-94 war er für d. NF Mitglied d. Abgeordnetenhauses Berlin. Seit 1993 Vorsitzender d. Vereins “Kinder von Tschernobyl”. Er arbeitete zusammen mit der schleswig-holsteinischen Fachkommission zur Untersuchung der Leukämiefälle in der Elbmarsch u. Geesthacht. Ab 1999 Präsident d. Gesellschaft für Strahlenschutz e. V. 2001 war er in Begleitung d. russ. Wissenschaftlers Tschetscherow unter dem Sarkophag im zerstörten Block IV von Tschernobyl (direkte Besichtigung d. Reaktortopfes), er fand d. Bestätigung von Tschetscherows ketzerischer Behauptung, dass d. größte Teil d. radioaktiven Materials bei d. Explosion 1986 hinausgeschleudert wurde. Pflugbeil spricht fließend Russisch und machte rund 90 Reisen in die betroffenen Regionen, sprach mit zahlreichen Wissenschaftlern, Liquidatoren u. anderen Betroffenen, berichtete sowohl über d. technischen als auch d. sozialen Folgen d. Katastrophe (neuerdings auch in Japan). Seit März 2011 intensive Beschäftigung mit Fukushima, auf einem mehrwöchigen Japan-Besuch hielt er Vorträge u. traf Wissenschaftler u. Bürgerinitiativen. Pflugbeil lebt in Berlin. Seine Frau ist Internistin, sie haben vier erwachsene Töchter. Sein Vater war Kirchenmusiker in Greifswald, seine Mutter Cembalistin.
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Herr Pflugbeil empfängt uns in seiner schönen Altbauwohnung in Berlin-Mitte. Wir trinken Tee und schweigen erst ein wenig. Er wirkt sehr ruhig, geradezu sanft. Man könnte darauf reinfallen, aber er ist ein sperriger und zäher Quertreiber. Nach Fukushima wurde er aus der Versenkung geholt und vor die Fernsehkameras gebeten. Seine Gesellschaft für Strahlenschutz hatte als Erste von einem Super-GAU in Fukushima gesprochen. Sehr bald wurden seine allzu offenen Ausführungen jedoch gekappt und er verschwand wieder in seiner Versenkung. In der hat er sich als Kernenergiekritiker eingerichtet. Er ist vogelfrei, wir sagen: vogelfreischaffend. Ab und zu, um sich zu regenerieren, macht er Hausmusik mit seinen Töchtern oder spielt auf dem Cembalo seiner Mutter. Ansonsten widmet er sich den Ursachen und Folgen der radioaktiven Katastrophen. Am Vortag kam er grade aus Fukushima zurück.
“Es gab im Sommer erste Besuche der Japaner bei uns, sie haben sich angeguckt, was wir – beziehungsweise der Westen – damals gemacht haben nach Tschernobyl mit den Messstellen, welche Geräte man braucht, wie man damit umgeht, was man an Logistik benötigt. Und da hat jetzt ein Gegenbesuch stattgefunden und ich habe dort von den Erfahrungen erzählt und davon, was ich über Tschernobyl zusammengetragen habe. Auch über die nachfolgenden Gesundheitsschäden in Westeuropa. Also auch Gesundheitsschäden – und das ist ein wichtiger Punkt – bei relativ kleinen, zusätzlichen Strahlenbelastungen. Deren Gefährlichkeit wird ja immer geleugnet. Ich denke, die ersten Gesundheitsschäden, die in Fukushima als Erstes auftreten werden, sind: Totgeburten, Down-Syndrom, Schilddrüsenkrebs.
Es entstehen jetzt unabhängige Strahlenmessstellen von Bürgerinitiativen, weil die Regierung nicht Willens und nicht in der Lage ist, die Bevölkerung darüber zu informieren, wie hoch die Strahlen- und Nahrungsmittelbelastungen sind. Die ersten Wissenschaftler kommen auch schon aus ihren Burgen raus und halten Vorträge über das kleine Einmaleins der Strahlenproblematik. Anfang September gab es ein von der Nippon-Foundation gesponsertes Expertensymposion in Fukushima-Stadt zu den gesundheitlichen Gefahren der Radioaktivität, die, wie erwartet, total heruntergespielt wurden. Daraufhin haben dann verärgerte Bürgerinitiativen und kritische Wissenschaftler im Oktober einen Gegenkongress organisiert zur Aufklärung über die wirklichen Gefährdungen. Ich war da auch als Referent.
Es gab auch eine Reihe von Veranstaltungen, von Südjapan bis nördlich von Fukushima. Überall traf man auf Frauen, die mit ihren Kleinkindern aus Fukushima abgereist sind. Es ist sehr schwierig für alle Betroffenen. Dazu kommen Hürden der Bürokratie und finanzielle Probleme. Die Entschädigung, kann man sagen, die trägt die Katze auf dem Schwanz weg. Das sind 8.000 Euro oder so. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist das bisher vom KKW-Betreiber Tepco bezahlt worden. Da war die Portokasse dann wohl alle.” ( Die Antragsteller müssen ein 60-seitiges Formular ausfüllen, für das es eine 100-seitige Anleitung gibt. Anm. G.G.)
“Gerade als wir abfuhren kam das raus, dass in einem wohlhabenden Tokioter Viertel eine Strahlenbelastung gefunden wurde, die haarscharf unter der Grenze zur Evakuierung liegt. Wenn die offiziellen Stellen sagen, es ist scharf drunter, dann ist es mit Sicherheit scharf drüber! Darüber wird noch gestritten. Ich habe vom Dach eines Hochhauses eine Probe genommen, dafür suche ich jetzt nach einem Labor. Die japanische Regierung hat momentan in der Problembewältigung eine ,abenteuerliche’ Stoßrichtung, sie macht Propaganda dafür, dass alle Präfekturen Japans einen Teil des kontaminierten Mülls abnehmen und in Müllverbrennungsanlagen entsorgen. Die sind aber gar nicht auf die Rückhaltung von radioaktivem Dreck ausgelegt. Das wirkt dann wie ein Staubsauger, nur verkehrt herum. Der Dreck wird in die Luft geblasen und über ganz Japan verteilt. Das ist dermaßen schwachsinnig.” (Am 3. November ist ein Zug mit Trümmern in Tokyo angekommen – es war verboten, die Strahlung zu messen -, sie wurden verbrannt im Tokyo Waterfront Recycle Power, einer Konzerngesellschaft der Tepco, der Betreibergesellschaft des AKW Fukushima. Anm. G.G.)
“Es regt sich in Japan jetzt immer mehr Widerstand. Auch wenn die Aufklärung systematisch behindert wird. Auch wenn Politiker vor laufender Kamera öffentlich verstrahltes Zeug essen oder ein Glas Wasser aus einer Pfütze von Fukushima-Daiichi trinken und dazu ,Rotkäppchen und der Wolf’ erzählen. Die Leute glauben der Regierung und Tepco nichts mehr. Die Naturkatastrophe wurde, so lange es ging, in den Mittelpunkt gestellt. Bei uns hat man sich gewundert, dass die Leute dort so ruhig bleiben angesichts der eigentlichen Katastrophe. Das Desinteresse der japanischen Bevölkerung an Kernkraftwerken hat aber eine Tradition, das ist nicht Dummheit oder ein Versehen. Das ist gemacht worden über einen sehr langen Zeitraum.
Ein frühes Beispiel dafür habe ich gesehen im Atombombenmuseum in Hiroshima. Es gibt dort frühe Fotos einer Ausstellung, da war im ganzen Erdgeschoss eine einzige Propagandaveranstaltung für die Kernkraft. Und das hat Gründe: Das Museum wurde nach dem Ende der Informationssperre in den fünfziger Jahren gebaut – die USA hatten ja eine komplette Nachrichtensperre nach den Bombenabwürfen verhängt, keine Fotos, keine Reportagen, keinerlei Nachrichten. Die medizinische Dokumentation war streng geheim. Dann sickerte das aber allmählich durch, so Anfang der fünfziger Jahre, und die Amerikaner haben befürchtet, dass ihre Atombombenstrategien behindert werden könnten durch die öffentliche Meinung. Sie haben nach einer Lösung gesucht und da hat Eisenhower dann vor der UNO 1953 das “Atom for Peace”-Programm erfunden, um in diesem Windschatten in Ruhe weiterhin Atombomben bauen zu können. In diesem Zusammenhang hat er in kleiner Runde etwas gesagt, was dann automatisch alle Atomstaaten übernommen haben – bis heute: Haltet sie im Unklaren über Kernspaltung und Kernfusion. Sie, das war die Weltöffentlichkeit.
50 Jahre Gehirnwäsche
Die Amerikaner haben die gesamten japanischen Zeitungen bestochen, über Jahre, dass sie das sorgfältig unterscheiden: Bombe und Kernkraft. Und dafür, dass sie Propaganda machen für Kernkraftwerke. Das ist für viel Geld gelenkt worden. Diese gezielte Gehirnwäsche durch die Amerikaner hat mehr als 50 Jahre funktioniert, ist aber nach Fukushima allmählich immer unwirksamer geworden. Jetzt erst haben viele angefangen, darüber zu reden und nachzudenken. Auch die Hibakusha-Organisationen, also die überlebenden Atombombenopfer. Inzwischen ist die Mehrheit der Bevölkerung gegen Kernkraftwerke und will raus. Die Regierung wiegelt ab und redet vage vom langfristigen Ausstieg, vom Stromsparen, und lässt die Bevölkerung im Unklaren über die Strahlenbelastung. Die Betreiber der japanischen KKWs stemmen sich natürlich dagegen, sie wollen auf so viel Geld nicht verzichten.
In Japan haben sie über 50 KKWs, viele davon sind schon älteren Datums. Fukushima I lief bereits 40 Jahre. So lange alles funktioniert, spielt so ein abgeschriebenes KKW pro Tag bis zu einer Million Euro ein. Das ist eine reine Geldmaschine. Und selbst wenn was passiert, dann haben die Betreiber ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht und die Bürger haben den Schaden; wie man an Japan sieht. Beim KKW springt, wie bei systemrelevanten Banken, im Krisenfall der Staat ein. Tepco bekam, um die Pleite abzuwenden und Entschädigungen zu zahlen, aus einem Regierungsfonds bereits 8,4 Milliarden Euro.” (Es benötigt, so das Unternehmen, in den nächsten zehn Jahren weitere 23,3 Milliarden usf., um “die Folgen der Katastrophe zu bewältigen”. Anm. G.G.)
“KKWs sind in der Regel nicht mal adäquat versichert. Bei uns ist es so, dass sie eine Haftpflichtversicherung über zwei Milliarden Euro abschließen müssen, nicht einzeln, alle zusammen! Fachleute haben durchgerechnet, wie hoch die Versicherungspolice sein müsste, und die wäre so hoch, dass sich der Strompreis von heute 16 bis 20 Cent auf bis zu etwa 67 Euro (!) pro KWh verteuern würde. Damit wäre das einfach platt. Wenn man den Ausstieg, der jetzt nach Fukushima bei uns beschlossen worden ist, wirklich wollte, ihn nicht bis 2022 hinzieht, dann würde eine adäquate Versicherung als Auflage vollkommen reichen. Das wäre das sofortige Aus! Da könnte auch kein Betreiber vor Gericht ziehen gegen die Abschaltung, und gegen nichts!
Wenn wir jetzt aber mal die ganze Entwicklungsgeschichte sehen, dann stand eindeutig der militärische Aspekt im Mittelpunkt. Das war das treibende Moment. Dieses spätere wirtschaftliche Interesse an der Kernkraft, das war bei den großen Energieversorgern anfangs gar nicht vorhanden. Die mussten da geradezu hingetragen werden, überhaupt Kernkraftwerke zu bauen. Und das Motiv, weshalb das so vorangetrieben wurde, mit enormen staatlichen Subventionen, das ist für mich so sicher, wie das Amen in der Kirche: Die KKWs waren, wie schon erwähnt, eine hervorragende Ablenkung von den Strahlenproblemen und von dem Willen, ungestört weiter die militärische Seite ausbauen zu können.
Skrupel gab es da keine. Im Zusammenhang mit dem Atomwaffenprogramm hat man in den USA auch Menschenversuche gemacht, von den Fünfzigern bis in siebziger Jahre, für die Risikoforschung. Man hat zum Beispiel Schwarzen in den Armenkrankenhäusern Plutonium gespritzt, ohne deren Wissen natürlich, um zu sehen, wie sich das auswirkt.” (Wissenschaftler von Harvard und dem MIT haben von 1946 bis 1956 an geistig Behinderte in der Schule radioaktiv verseuchtes Frühstück verteilt. Anm. G.G.) “Mitte der 90er Jahre ist in den USA so eine große Kommission eingesetzt worden, die das alles aufgerollt hat. Wenn man die Berichte liest, wird einem schlecht! Bis heute bezieht man sich bei Plutoniumsachen auf diese ,Studien’.
Genauso die Russen. Beispielsweise wurde das Atomwaffentestgebiet in Kasachstan – Semipalatinsk – gezielt ausgesucht vom ,Vater der russischen Atombombe’ Kurtschatow und von Berija, dem Geheimdienstchef. Sie haben das Gebiet ausgesucht, nicht weil da eine Wüste ist, sondern weil das angenehm bevölkert war. Sie haben die Bevölkerung als Versuchskarnickel benutzt, haben ihnen gesagt, wenn die Erde wackelt, dann sollen sie mal schön aus den Häusern ins Freie gehen, damit ihnen kein Balken auf den Kopf fällt. Sie haben ihre Tests gemacht und die Leute anschließend minutiös untersucht. Nur untersucht. Nicht behandelt! Also das Ausmaß der Perfidie und Brutalität ist fast unglaublich, auf beiden Seiten, da haben sich die Großmächte nichts vorzuwerfen.
Das war natürlich alles streng geheim. Weltweit war es immer die Hauptaufgabe der Regierungen, bis heute, alle Informationen zu blockieren oder herunterzuspielen, die irgendwie ein schlechtes Licht auf die Nutzung der Kernenergie werfen könnten. Und zwar auf beides, die militärische und die zivile Nutzung. Entsprechend agieren auch die internationalen Organisationen oder Kommissionen, wie IAEO, WHO, ICRP usf. mit ihrer Informationspolitik und ihren Empfehlungen. Beispielsweise gingen unabhängige Experten von 1,8 Millionen Toten weltweit aus, die in der Folge von Tschernobyl gestorben sind und noch sterben werden. Die IAEO hingegen sprach von 50 Todesopfern des Super-GAUs. Bei der Festlegung von Strahlenwerten wird nach den Interessen der Atomindustrie entschieden. Vom Medizinischen her ist das eine absolute Katastrophe. Ich halte diese Leute, die in solchen Gremien sich tummeln und die Risiken runterrechnen und wegdiskutieren, für absolut gefährlich. Auf meiner Messlatte sind die viel gefährlicher als die KKWs selbst!
Auch bei uns tagen die Leute, die in diesen Reaktorsicherheits- und Strahlenschutzkommissionen sitzen, alle vertraulich, man kriegt keine Unterlagen, nichts! Wir haben jahrelang gesucht nach den Ursachen der Leukämie in der Elbmarsch und Geesthacht. Und von diesen Leuten, die das behindert haben, auch vom Forschungszentrum, da hat bis heute keiner ausgepackt. Ihre Schweigeverpflichtung bis ans Lebensende ist mit der Rente verknüpft, anscheinend. Die Kernforschungszentren sind übrigens vom Atomausstieg ausgenommen. Sie haben sich auch alle mehrfach umbenannt und sind nun zusammengeschlossen in der Helmholtz-Gemeinschaft. Das Wort Atom, oder später Kernenergie, kommt nicht mehr vor. Sie heißen jetzt schlicht Helmholtz-Zentrum für … Aber bei Geesthacht, da hat man noch mehr zu verbergen als das und den Unfall 1986. Da führt die Spur direkt zurück in die Geschichte, in die deutsche Atombombenforschung der Nazis.”
Ich fasse es mal kurz zusammen: 1956 gründeten der Kernphysiker, Sprengstoffexperte und Atomforscher Diebner mit dem Physiker E. Bagge die Gesellschaft für Kernenergie und Schiffahrt (GKSS) in Geesthacht (auf dem ehemaligen Gelände von Dynamit Nobel). Beide hatten, wie Heisenberg und seine Gruppe, am Uranprojekt, dem geheimen Atomwaffenprogramm der Nazis unter Heereswaffenamt und SS gearbeitet, aber waren 2. oder 3. Garnitur. Dennoch kamen nicht Hahn, Heisenberg und v. Weizsäcker zur Kernexplosion, sondern Diebner. Ihm soll 1945 in Thüringen eine erste “kleine” gelungen sein, bei der KZ-Häftlinge als Versuchspersonen eingesetzt und umgebracht wurden.
Diebner und Bagge hörten nie auf, sich mit Atomwaffen zu beschäftigen. Sie haben den “Göttinger Appell” der deutschen Atomphysiker (auch derjenigen aus dem NS-Uranprojekt) als Einzige nicht unterschrieben. Diese Selbstverpflichtung, “sich nicht an Herstellung, Erprobung, oder Einsatz von Atomwaffen zu beteiligen”, wäre ihrer Forschung zuwidergelaufen. Sie gaben für das GKSS die Fachzeitschrift Atomkernenergie heraus, in der auch ihre Forschungsergebnisse der Nazizeit mit Stolz präsentiert wurden.
Unfall in Geesthacht
30 Jahre nach der Gründung gab es einen ungeklärten Unfall beziehungsweise Brand auf dem Gelände der GKSS-Kernforschungsanlage Geesthacht. Er wurde sofort verharmlost und vertuscht. Das war 1986. In den neunziger Jahren gab es dann dort die “weltweit auffälligste Häufung von leukämiekranken Kindern in der Umgebung von Nuklearanlagen”. Zu deren Aufklärung wurde 1992 eine unabhängige achtköpfige Leukämiekommission offiziell von Schleswig-Holstein eingesetzt. Die hochkarätige Kommission bestand aus Expertinnen und Experten aus den Bereichen Umwelttoxikologie, Strahlenbiologie, Physik, Nuklearmedizin, Medizin und Biochemie. Sie arbeitete zwölf Jahre ehrenamtlich und fand in Umgebungsproben nukleartechnisch hergestellte “PAC-Mikrokügelchen”, was auf verbotene militärische Experimente schließen ließ.
2004 traten, entnervt durch permanente Behinderungen und “eine Mauer des Schweigens”, sechs der acht Mitglieder aus der Kommission aus. Sie verfassten einen eigenen Abschlussbericht, in dem man die Mitverursachung des AKW Krümmel an den Leukämieerkrankungen zwar einräumte, die entscheidende Kontamination aber auf geheimgehaltene kerntechnische Sonderexperimente auf dem Gelände des Forschungsreaktors zurückführte. Dieses Ergebnis gründlicher Analyse wurde als haltlose Verschwörungstheorie abgewiesen und verworfen. Prof. Langfelder, Gründer der Gesellschaft für Strahlenschutz und des Otto-Hug-Strahleninstituts (für Tschernobyl-Hilfe), Strahlenbiologe und Arzt, ein Mann mit umfangreicher Tschernobyl-Erfahrung, sprach von “Mechanismen von Verschleierung und Verdunkelung in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Staatsverwaltung”. Ein anderes Mitglied, der Biochemiker Prof. Scholz aus München, nannte es “Kumpanei von Wissenschaft, Politik und Industrie” und zog sich zurück.
Pflugbeil sagt: “Wir mussten unsere Proben bis nach Weißrussland schicken. Prof. Mironov von der Internationalen Sacharow-Umwelt-Universität Minsk – sie wurde in der Folge von Tschernobyl gegründet – hat sie analysiert und unsere Annahmen vollkommen bestätigt. Wir sind permanent behindert worden, auch von allen Parteien, einschließlich der Grünen. Den Eltern, der ganzen Bevölkerung und uns wurde immer nur ,Rotkäppchen und der Wolf’ erzählt. Das war lehrreich. Aber es war nur ein Beispiel für die Abschottung und für die Lügen auf diesem Gebiet. Für mich war Tschernobyl ein absolutes Beispiel dafür, wie von der ersten Minute an zielgerichtet gelogen wurde, es gab erst ein totales Informationsverbot von allen Ministerien und dem KGB, danach eine offizielle Version, die wir alle kennen.
Ich will jetzt auf den 2. Sarkophag zu sprechen kommen, denn er dient nicht der Verhüllung einer gefährlichen Ruine, sondern zur Verhüllung von gefährlichen Lügen. Da gibt es eine ganze Menge Ungereimtheiten. Weltweit gilt zum Beispiel die Version, dass 95 Prozent des Kernbrennstoffs noch drin sind und davon eine Gefährdung ausgeht für die Ukraine und für ganz Westeuropa. Tschetscherow hat diese Behauptung eindeutig widerlegt und er geht von weniger als 10 Prozent aus, die noch drin sind. Er hatte 2001 den Auftrag vom Kurtschatow-Institut für ein Forschungsgutachten im Zusammenhang mit dem 2. Sarkophag. Er hat Raum für Raum untersucht, gemessen, fotografiert, hat Bohrproben genommen und seinen Forschungsbericht gemacht. Er kriegte eine hohe Auszeichnung dafür und der Bericht landete in der Schublade, für immer! Er stört die Geschäfte.
Tschetscherow erzählte mir, bevor wir – in Begleitung eines kleinen Filmteams – in den zerstörten Reaktorblock IV reingingen, wie er da überall rumgekrochen ist, auch auf dem Reaktorboden. Und dass er bei der Vermessung des unteren Teils dort fünf Stunden gearbeitet hat. Er sagte, da gab es keine 200 Tonnen, 20 Tonnen vielleicht, realistisch aber sind 10 Tonnen. Im anderen Fall wären sie ja mausetot gewesen. Als wir dann drin waren, das war schon ein beklemmendes Gefühl für mich. Der Krach der Instrumente, kaum Licht, man musste aufpassen, wohin man tritt bei dieser Kletterpartie und man wusste nie, ob nicht gleich ein Betonbrocken von oben runterfällt. Es sind noch tausend Räume begehbar in dieser Ruine, unterschiedlich stark zerstört. Am Boden des Reaktortopfes, sag ich mal, liegen so ein paar Trümmerteile, die vom oberen Raum runtergefallen sind. Wir sind da drüber weg gestiegen. Drunter gibt’s noch verschiedene Räume, in denen an ein paar Stellen auch diese ,Elefantenfüße’ aus geschmolzenem Material zu sehen sind. Tschetscherow hat uns das alles gezeigt und die Filmleute haben es aufgenommen.
Im Reaktortopf war nichts. Es ist alles mit enormer Wucht rausgeschleudert worden in einer kurzen und heftigen Explosion, die so stark war, dass sie den 2.000 Tonnen schweren Betondeckel abgehoben hat. Also die Energiequelle ist eindeutig Kernenergie gewesen und die Explosion war eine Kernexplosion! Die westliche Welt – wo ja gilt, Kernkraftwerke und Kernwaffen sind was vollkommen Verschiedenes – will das nicht wahrhaben, weil sonst klar würde, dass sich ein KKW mit einer Kernexplosion selbst zerstören kann. Im Lehrbuch aber steht, ein KKW kann das nicht. Es kann aber.
Man muss fragen, wem nutzt der neue Sarkophag, ein Ding von gewaltigem Ausmaß, 100 Meter hoch, 250 Meter Spannbreite? Bis zum Juni 2011 hat die Ukraine Finanzzusagen in Höhe von 685 Millionen Euro bekommen. Ein großer Teil der internationalen Hilfsgelder des Tschernobyl-Fonds fließt wieder an Firmen aus den Geberländern. Alle großen internationalen Namen der Kernindustrie sind in Tschernobyl bereits im Geschäft. Die Gesamtkosten werden momentan auf etwa 1,6 Milliarden Euro geschätzt. Das wird ausgegeben, für etwas, das überflüssig ist. Und auf der anderen Seite ist praktisch kein Cent zu beschaffen für die medizinischen und sozialen Fälle, die da anstehen. Im März 2011 demonstrierten ehemalige Liquidatoren gegen die Kürzung ihrer finanziellen Zuwendungen.
Diese Schere wollten wir zeigen mit dem Film. Der wurde ein paarmal gesendet 2002 im ZDF. “Tschernobyl, der Millionensarg”. Im Internet auf Youtube kann man sich den gestückelt angucken. Vor der ersten Ausstrahlung hat der deutsche Ansprechpartner für den Sarkophag, die Gesellschaft für Reaktorsicherheit, versucht, beim ZDF-Intendanten zu intervenieren und die Sendung zu verhindern. Aber man kann ja heute alles öffentlich sagen, folgenlos.
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Und zu Tschernobyl noch eine letzte Bemerkung: Als ich 1990 für ein paar Wochen Minister war, kamen Leute aus dem Westen an – wir hatten ja die ersten heiße Drähte zur Ukraine, zu Tschernobyl – und die Leute haben gefragt, ob ich nicht vermitteln könnte, dass man den deutschen Atommüll in Tschernobyl unterbringt. Und heute ist es anscheinend so weit. Ich habe mir das angeschaut, jemand hatte mich hingebracht. In der Nähe von Tschernobyl haben westliche Firmen auf einem absoluten Riesenareal Lagerstrukturen mit unterschiedlichen Untergründen angelegt, zum Ablagern von Atommüll. Angeblich für Müll aus Tschernobyl, aber das ist viel zu groß angelegt. In Erwartung von Müll, der auch Geld bringt.

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vorsatz …

by eskalaparty on 21. November 2011

Gerücht: Aus Polizei-Kreisen wurde bekannt, dass der CASTOR-Transport ca. 24 h auf dem Rangierbahnhof Maschen abgestellt werden und am Samstag, 26. Nov. nach der Demo über Lüneburg auf der Schiene ins Wendland rollen soll.

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der haeßliche deutsche …

by eskalaparty on 15. November 2011

nur um mal den wikipediaeintrag von heute zu fixieren …

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exklusiv fuers westwerk …

by eskalaparty on 9. November 2011

11.11.11 krautzungEn#2

bessere zeiten unter dem baldachin „goldene zeiten” (ART WRIEDEL II 2.X. 2o 11 (skizze))

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11.11.11

by eskalaparty on 3. November 2011

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1 + 2 = ART WRIEDEL III … 2. X. 2o 12

by eskalaparty on 28. Oktober 2011

bei der akt. installation in unserem 6-eck sind 2 arbeiten unserer art wriedel kuenstlerInnen vereint … fehmi baumbach collage( rechts) und 1 foto von robin hinsch … nach meinem aerger mit der bremer kunsthalle

heute kann ich nur jeden auffordern das leben in die eigenen haende zu nehmen und nicht institutionen zu ueberlassen … zerschlagt die banken /// kunst = kapital !!!

robin hinsch

fehmi baumbach

foto mitja wittersheim

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Der Mitmachmarkt in Wriedel ist neu. Es gibt ihn seit September.
Frische Abendluft umweht uns, als wir aus dem Wagen steigen. Aus dem Dunkel stechen die großen Fenster, die noch vor Kurzem Drogerieschaufenster waren. Wo Seife angeboten wurde und Waschpulver, wo hinter löchrigen Wänden Detektive schliefen, wo es Kinderriegel gab und Windeln, gibt es jetzt Menschen. Menschen, die sich zusammen getan haben. Zusammengetan gegen das Sterben ihres Heimatortes Wriedel. Sie wollen nicht mit ansehen, wie die große Ödnis ihnen das Leben aussaugt. Sie bieten Prothesen an, Secondhandhemden mit Hundeemblem, Sherlock Holmes- Hörbücher, Pilzführer, Coca- Cola und Lampen. Sie bieten Wriedels Bewohnern die Chance, sich für ihren Ort einzubringen, etwas von sich zu zeigen oder etwas von sich loszuwerden. So wird der Mitmachmarkt zu einem Kuriositätenkabinett aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es schlägt uns herzliche Unmittelbarkeit entgegen, als wir den Laden betreten. Es liegt eine Prise Sonderbarkeit in der Luft. Nein, es trifft uns Hamburger die Leidenschaft für etwas Verlorenes. Ich mag das. Ich habe nämlich auch eine Vorliebe für den Verlust. Fragen Sie mal mein soziales Umfeld: ich bin Großmeister im Scheitern und immer noch genauso jung wie vor 20Jahren.
Heute Abend hat mich mein Freund Jorge Wittersheim, Künstler und Musiker, in den Mitmachladen eingeladen, um hier zu lesen. Ich bin mit meinem Manager angereist und mit Joachim Franz Büchner, dem Sänger und Schlagzeuger der Band Bessere Zeiten. Ihn habe ich gebeten, zwischen meinen Texten das Lied „Nights in white Satin“ vorzutragen. Ich selber lese, was ich zu erzählen habe von Hamburgs Taubenscheiße, von Hamburgs korrupten Punkern, blasierten Dichtern und wütenden Rock’n’Rollern. Jorge hat einen blauen Thron installiert, auf dem ich über den Köpfen der Bürger hocke und vom ungelobten Land erzähle. Vom Fiebergong, Bergbau im Pink Gin, von Jever- Exzessen und Sturzflügen über London. Hey man, I’m waiting for my man.
Ich komm zwar nicht von hier, ich kann es noch nicht wissen, aber ich mag Wriedel. Nicht zuletzt wegen Jorge Wittersheims ART- Wriedel und der vielen besonderen Menschen, die ich hier im Laufe der Jahre kennengelernt habe und die mir jetzt zuhören, obwohl sie auch etwas Anderes machen könnten. Z.B. den Haushalt oder Tee. Die Kirchturmglocke läutet; wie gewöhnlich, aber fürs Besondere.

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